25. Jun. 2008
“Der Wettergott mag Rockmusik” titelt das Hurricane Festival auf seiner Internetseite und meint damit das – gegen alle Erwartungen und Vorhersagen – fast durchweg sonnige Wetter auf dem Eichenring in Scheeßel. Es ist aber nicht nur der Wettergott, der Rockmusik mag, auch 70.000 euphorische Festivalbesucher haben auf dem Hurricane Festival 2008 die beste Zeit des Jahres gehabt!
Das liegt neben der Musik natürlich vor allem am Prinzip Festival. Schwer bepackt läuft man vom Bahnhof Scheeßel in Richtung Festival Gelände, schlägt mit wildfremden und doch vertrauten Menschen High Five ein und lässt die Zivilisation hinter sich. Einheimische fahren mit Bollerwagen, Anhängern und so weiter an einem vorbei und transportieren für wenig Geld das Gepäck zum Zeltplatz. Das Gepäck besteht natürlich in erster Linie aus Bier. Clevere Hurricane Planer kaufen vorher Bier in Dänemark oder Holland oder irgendwo anders, wo es kein Dosenpfand gibt. Die anderen nehmen sich vor, das Pfand zu sammeln, merken aber spätestens nach 2 Halben, dass man viel lustigere Dinge mit Bierdosen und Flaschen anstellen kann, als sie brav in einen seperaten Beutel zu stecken.
Dazu gehören neben absurden Baseball-Variationen und Weitwurfwettbewerben (der Grund warum man keine Glasflaschen mehr mitnehmen darf) natürlich das Spiel Flunkyball, das entfernt an Kegeln erinnert, aber natürlich eigentlich nur ein Ziel kennt: Den Gegner und sich selbst im höchsten Maße betrunken werden zu lassen.
Betrunken zum Beispiel, damit man sich nicht daran stößt, mehr nackte Tatsachen als den Rest des Jahres zu sehen, mehr Schweinereien zu hören und erleben, als die zarte Befindlichkeit aushält, Fleisch zu essen, das 3 Tage in der Sonne gelegen hat und Dreck in allen Variationen am Körper und in den Klamotten zu haben. Dreck entsteht zum Beispiel, wenn 70.000 Fans vor den Bühnen des Hurricane Festivals stehen und euphorisch tanzen, stampfen und hinfallen. Es ist dabei egal, ob die
süße Indie-Schnitte, Hippieverschnitte, der Hardcore-Jünger, Rock`n´Roll Typen oder Fußballasis Spaß haben, es wirbelt einfach eine Menge Staub in der Luft, während sich auf den drei Bühnen des Festivals über 60 Bands den Arsch ab rocken.
Highlights waren in diesem Jahr ganz sicher viele dabei. Gespielt haben nämlich Radiohead, die Foo Fighters, Billy Talent, Beatsteaks, Nada Surf, Chemical Brothers und und und. Doch der Reihe nach: Am Freitag Nachmittag legten Enter Shikari aus England heftig los und ließen das noch kraftvolle Publikum in Circle Moshpits im Kreis rennen oder bei der Wall Of Death fröhlich ineinander laufen, wenn ein lustiger Rave-Part mal wieder von einem feisten Metal Riff abgewechselt wurde. Kurz verschnauft, Mantaplatte reingezogen, weiter gings zum nächsten Highlight: Deichkind. Megavoll wars. Viele wollten bestimmt wissen, wie sich Ferris MC als neues Mitglied der Hamburger Crew vom Deich schlägt. Klar wurde, es hat sich nicht viel verändert und das ist auch gut so: Deichkind leben den total bekloppten Mythos vom Schlaraffenland, springen auf Trampolinen und Schlauchboten umher, sind wie ihr Publikum in Müllsäcke gekleidet, füllen Fans mit der legendären Zitze ab und unterstreichen ihren Status als einmalige Liveband jenseits von gut und böse. Bei NoFX fliegen unterdessen die Fäuste und es wird gezappelt und Chef Styler Jan Delay arbeitet weiter an seinem Ruf als bester deutscher Entertainer. Die Beatsteaks aus Berlin entpuppen sich an diesem Freitag Abend als die Personifizierung deutscher Festivalkultur. Ein großer Auftritt.
Samstag heißt es erst Steaks frühstücken und Hurricane Tapes aus dem Oldschool Kassettenrecorder hören, dann Newcomer sehen. Die Mannequin aus Toronto sind auf Rock´n`Roll Sex Fantasie getrimmt, haben Jack Daniels in den Adern und machen musikalisch eine hervorragende Figur. Johnny Foreigner sind ein kleines Highlight. Hier unbekannt, machen die Engländer harten Indie und singen meistens im Girl/Boy Response Style. Sehr Geil. Auch Girl/Boy mäßig sind The Subways unterwegs und am Samstag haben die drei Engländer einen überraschend guten Auftritt hingelegt. Auf der zweiten Platte ist der Indie Sound des Trios einmal durch den Grunge Wolf gedreht worden und dementsprechend um einiges härter. Live sowieso, eine kraftvolle Sause! Sonntag genauso, jede Menge Bands: The Notwist fordern das Publikum in der prallen Sonne, Jaguar Love können nicht halten, was die Blood Brothers versprechen und Bat For Lashes erfüllt die Zeltbühne mit beeindruckenden Klängen. Radiohead sorgen Sonntag Abend für den ultimativen, audio-visuemotionalen Ausklang. Es waren fast schon zu viele Bands, die Kraft schwand, der Festival Mensch ward satt.
Doch ein wichtiges Highlight gilt es dennoch herauszuheben. Gegen 16 Uhr am Sonntag kam die Ansage, dass sich ein Unwetter Scheeßel nähert und man sich entsprechend vorbereiten sollte. Das war kurz vor dem Auftritt von Tocotronic. Als die Hamburger dann mit einem Gitarrengewitter die Bühne betreten, schreit Dirk von Lowtzow ins Mikrofon: “Hurricane, wir begrüßen euch mit einem Hurricane!” Und im selben Augenblick fängt es an zu regnen. Nicht schlimm, die Luft war noch warm, doch der Auftritt von Tocotronic nichts anderes, als magisch und hat das richtige Unwetter vorbeiziehen lassen. Der Wettergott mag eben Tocotronic.
Und so ein bisschen Regen gehört ja auch dazu: Zum Reinigen, nüchtern werden und dazu, seinen Körper mit einer anderen Flüssigkeit als Bier und Schweiß zu konfrontieren. Obwohl, einmal im Jahr kann man das schon machen!